Wirtschaft 09/2003
Ein Gärtner von Eden - Schleitzer GmbH
Geschäftsführer Wendelin Jehle beweist mit seinem "Erlebnisgarten" eindrucksvoll: Innovation, Hightech und strategische Neuausrichtung gibt es auch im Gartenbau.
Wendelin Jehle verkörpert wohl das, was man einen "Vollblut-Unternehmer" nennt. Alles was er sagt und tut, das macht er mit Leidenschaft. Und so wettert er in breitem Badisch gegen ein weit verbreitetes Klischee: Innovation - diesen Begriff verbinden die Medien seiner Meinung nach zu Unrecht fast nur mit Industriebetrieben, Software- und Dienstleistungskonzernen. "Dass es so etwas auch in unserer Branche gibt, darüber schreibt so gut wie keiner", klagt der gelernte Landschaftsgärtnermeister. In seinem 8.000 Quadratmeter großem "Erlebnisgarten" versucht er das Gegenteil zu beweisen. "Unser Angebot ist in Bayern einzigartig", versichert Jehle. Und tatsächlich: Wer sich von ihm die Highlights seines Sortiments erklären lässt, ist überrascht. Keine Spur vom ödem Einerlei deutscher Standardgärten und Gartenbaucenter. Er wolle Lebensfreude vermitteln und seinen Kunden zeigen, was für tolle Dinge sie mit ihren Gärten machen könnten, sagt Jehle.
Diese Bereitschaft, Neues zu wagen und auszuprobieren, ist charakteristisch für Jehle. So wurde es dem heutigen Schleitzer-Chef in seinem ehemaligen Heimatort Waldshut in Südbaden rasch zu eng. Vor 23 Jahren kam er nach München, um als Landschaftsgärtner bessere Gestaltungs- und Verdienstmöglichkeiten zu suchen. Er begann als Angestellter bei der seit 1963 bestehenden Firma Schleitzer Garten- und Landschaftsbau.
Eine gute Entscheidung, wie sich schnell zeigte. Zwischen Firmenchef Rolf Schleitzer und Jehle stimmte von Anfang an die Chemie. Nach einiger Zeit leitete Jehle den Landschaftsbau in Eigenregie. "Das innovative Arbeiten bei Schleitzer hat mir auf Anhieb gefallen", lobt der Gartenprofi noch heute. So habe der Betrieb beispielsweise Deutschlands erste mobile Kompostierungsanlage entwickelt und damit 1979 allein bei der Stadt München 30.000 Kubikmeter Friedhofsmüll verarbeitet. Schöne Zeiten waren das damals: Die Stadt München und andere öffentliche Auftraggeber sorgten Jahr für Jahr für sichere und große Umsätze - Arbeiten für die Landesgartenschau, Pflege von Sportplätzen und Grünflächen der Schulen und Kindergärten sowie der Biotope und Baumbestände in öffentlichen Parkanlagen. Marketing war überflüssig, weil Aufträge praktisch automatisch kamen.
Die schwierige Phase des Umbruchs begann für den Betrieb mit dem Tod des Firmenschefs im Jahr 1988. Jehle übernahm die Betriebsleitung und wagte 1996 den entscheidenden Schritt zum selbständigen Unternehmer: Er kaufte den Betrieb von der Witwe Eva Schleitzer. Um das Überleben zu sichern, musste der Jungunternehmer den Betrieb völlig neu ausrichten. Denn das Geschäft mit üppigen, öffentlichen Aufträgen brach mit Beginn der 90er Jahre immer mehr ein: Noch 1992 machte die Firma Schleitzer mit der Stadt München und anderen öffentlichen Auftraggebern einen Umsatz von mehr als 2,5 Millionen Mark im Jahr, heute sind es nur noch kümmerliche 3.000 Euro. Die Gründe hierfür waren der kontinuierliche Rückgang öffentlicher Aufträge und ein gnadenloser Konkurrenzkampf mit Billiganbietern, die sich mit Saisonarbeitern aus Osteuropa behalfen. Die kommunale Finanzmisere hat diesen Preis- und Nachfrageverfall noch verschärft.
Für die Schleitzer GmbH gab es folglich nur ein rettendes Ufer: Das Geschäft mit Privatkunden musste das Überleben der Firma sichern. Aber auch dort drohte in Gestalt der großen Gartenbaucenter übermächtige Konkurrenz. "Den Preiskampf mit Standardprodukten konnte ich niemals gewinnen. Also musste ich mir meine Nische suchen", erläutert der Firmenchef. Jehle dachte nach, schaute sich um, reiste bis nach Japan, um sich neue Ideen zu holen. So entwickelte er Schritt für Schritt ein neues Unternehmenskonzept. Basis hierfür war 1994 der Beginn des Lizenzvertriebs für die Marke "Swimmingteiche" des österreichischen Erfinders der Badeteiche. Hinter dem Begriff "Swimmingteich" steckt ein "Natur-Swimmingpool" für den eigenen Garten, eingebettet in ein funktionierendes Mini-Ökosystem. Das sieht nicht nur idyllisch aus, sondern reduziert auch den Pflegeaufwand auf ein Minimum. Lediglich die Wasserverdunstung muss ausgeglichen werden, ansons-ten reinigt sich das System selbst: ohne Filterung, Chlorierung und Wasserwechsel. Rund 100 dieser Schwimmteiche hat Jehle mittlerweile verkauft. "Das war mein Türöffner für das Privatkundengeschäft", sagt er im Rückblick. Von japanischen Gärten übernahm Jehle zudem die Idee, naturgetreu nachgebildetes Felsdekor mit aufregend gestalteten Wasserfällen zu kombinieren. Als passende Ergänzung hat er spezielle Niedrigvolt-Strahler im Sortiment, mit denen sich in den Abendstunden tolle Beleuchtungseffekte erzielen lassen. Allerdings musste Jehle auch erfahren, dass nicht alles, was er gut fand, beim Kunden ankam. So kann sich kaum ein bayerischer Hausbesitzer mit dem Gedanken einer Dachbegrünung anfreunden, obwohl Jehle von diesem Konzept absolut überzeugt ist: bessere Kälte- und Wärmeisolierung, günstigeres Kleinklima, Schallschutz, längere Lebenszeit des Daches sowie - bei flächendeckendem Einsatz - effektiver Hochwasserschutz. "Wenn andere die Klimaanlage anwerfen, gieße ich meinen Rasen auf dem Dach. Aber leider sind die Leute noch nicht so weit", bedauert Jehle. Mit wachsender Begeisterung reagiert das Publikum dafür auf den Verkauf von Koi und dem Bau von Koi-Teichen. Jehle ist selbst bekennender Fan der farbenprächtigen Fische aus Japan und erläutert detailliert den Unterschied zwischen einem "Asagi" und einem "Kohaku". Koi sind nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen Färbung so attraktiv - jede der rund 150 Arten hat laut Jehle auch ihren eigenen Charakter. Die Fische sind "handzahm" und lassen sich sogar streicheln. Der Schleitzer-Chef weiss von stressgeplagten Managern, die von der beruhigenden Wirkung eines Koi-Teiches schwärmen. Billig ist dieses Hobby freilich nicht. Ein Koi-Teich hat locker den Preis eines Mittelklassewagens. Im Gegenzug bekommt der Gartenfreund eine pflegeleichte Attraktion. Im Hintergrund sorgt ausgeklügelte Filtertechnik für Wasserqualität und das Wohlbefinden der Fische. Wem die bloße Draufsicht auf den Teich nicht reicht, kann sich eine Unterwasser-Webkamera einbauen lassen und selbst auf Geschäftsreisen via UMTS-Handy und Laptop das Schwimmverhalten seiner teuren Schätze beobachten. Koi-Fütterung per Mausklick - selbst das ist auf Wunsch möglich. Trotz allem technischen Aufwand sind das Wichtigste am Koi-Teich natürlich die Fische, und auch hier garantiert Jehle Exklusivität. Die "Schleitzer-Koi" importiert er direkt aus dem Norden Japans. Seiner Ansicht nach erreicht keine heimische Nachzucht auch nur annähernd deren Farbqualität. Der Stückpreis reicht von 20 bis 5.000 Euro.
Den Einstieg ins Privatkundengeschäft begleitete Jehle von Anfang an mit einem aufwändigen und offensivem Firmenmarketing. Neben Pressemitteilungen, Mailings, Anzeigen und Messeauftritten baute er dabei seinen "Erlebnisgarten" konsequent zu einem schlagkräftigen Verkaufsinstrument aus. So ließ er zur Präsentation seines ersten Schwimmteiches die "Isar-Nixen", ein Wasser-Ballett aus Karlsfeld, ins Becken steigen. Rund 70 Prozent seines Geschäfts schließt Jehle heute mit seinem "Erlebnisgarten" ab. Da ist der Profi-Gärtner in seinem Element. Hier kann er zeigen, erklären und überzeugen. Mittlerweile bietet er Gartenfreunden einen regelrechten "Event-Kalender": Feng Shui-Seminare, Sommernachtsfeste, Themenveranstaltungen wie "Licht im Garten". Allein zu seinen "Vernissagen der Gartenkünste" kamen im vergangenen Jahr rund 6.500 Besucher in den "Erlebnisgarten", der seinem Namen einer Schleitzer-Kundin verdankt: Die ältere Frau beobachtete im Schilf am Rand des Schwimmteiches wie eine Libelle aus ihrer Larve schlüpfte. Anschließend dankte sie Jehle für die "wunderbare Stunde in ihrem Erlebnisgarten".
Ein "Absiedelungsbescheid" der Stadt München hätte 1998 diese Idylle beinahe zerstört. Grund: Das Betriebsgelände der Schleitzer GmbH liegt im Außenbereich von München-Allach. Hierfür fehlte dem Gewerbebetrieb die erforderliche Privilegierung, eine landwirtschaftliche Produktion. Streng genommen, war daher das, was Jehle 1996 gekauft hatte, ein Schwarzbau. "Damals standen wir vor dem Tod unserer Firma", erzählt Jehle.
Glücklicherweise wurde Münchens OB Christian Ude durch Presseberichte ("Die grüne Oase in Allach muss weg!") aufmerksam und nahm sich persönlich der Sache an. Stadt und Jehle einigten sich schließlich auf einen Kompromiss: Schleitzer bleibt und erfüllt künftig mit einer Baumschule die erforderliche Auflage für den Außenbereich. Seit dem hält Jehle große Stücke auf Ude: "Er ist einer der wenigen Politiker, die uns Unternehmern zuhören." Dank Ude arbeitet Jehle weiter ungestört an seiner "Vision" von der Freiheit im eigenen Garten. Mit einer "Jubiläumswoche" feiert der Betrieb im Oktober 2003 das 40-jährige Bestehen. Zwar spürt man mittlerweile auch bei Schleitzer die schwache Konjunktur, aber noch stimmen die Zahlen: Mit 32 Mitarbeitern erwirtschaftet der Betrieb derzeit einen Jahresumsatz von drei Millionen Euro.
Dafür zahlt Jehle allerdings auch persönlich seinen Preis. Bis zu 16 Stunden pro Tag rackert er in seinem Betrieb, viel Zeit für Privatleben bleibt da nicht. An den Wochenenden stehen Messe-Besuche auf dem Programm. Neue Ideen sammeln, Kontakte knüpfen. Dadurch hat sich Jehle weit über die Grenzen Bayerns hinaus einen Namen gemacht. Laut Bertelsmann-Gruppe gehört seine Firma bundesweit zu den Top-100 im Garten- und Landschaftsbau. Jehle darf sich offiziell einen "Gärtner von Eden" nennen.
Martin Armbruster
IHK-Magazin 9/2003



